"Die Presse"-Kommentar: "1:1" (von Christine Domforth)

Ausgabe vom 3.1.2001

WIEN (OTS). Der Euro hat Ähnlichkeiten mit Österreichs Fußball-Nationalmannschaft: Schaffen die rot-weiß-roten Balltreter -womöglich sogar gegen einen halbwegs spielstarken Gegner - ein 1:1, dann wird das schon wie ein Sieg gefeiert. Auch beim Euro würde das Erreichen der Parität von 1:1 zum US-Dollar, die für die nächsten Wochen durchaus möglich scheint, wohl allenthalben als großer Erfolg gewertet - auch wenn die Gemeinschaftswährung dann noch immer kräftig unter ihrem Höchststand von Anfang 1999 liegt. In zwei Euro-Jahren ist man eben bescheiden geworden . . .
Und man weiß mittlerweile, daß der Einstiegskurs bei weitem zu hoch und die Drei-Jahres-Frist - von der Einführung des Euro als Buchgeld bis zur Ausgabe der neuen Scheine und Münzen - zu lang war. Diese Fehler lassen sich freilich jetzt nicht mehr reparieren.
Immerhin scheint der noch bis in den Spätherbst 2000 hinein schwindsüchtige Euro mittlerweile die Trendwende geschafft zu haben. Allerdings nicht aus eigener Kraft, sondern viel eher, weil die US-Wirtschaft nach ihrer jahrelangen Boomphase nun offenbar eine Verschnaufpause einlegt. Zwar weiß noch niemand so genau, ob sich diese zu einer echten Rezession auswächst. Aber Finanzmärkte agieren nun einmal wie Manisch-Depressive: einmal himmelhoch-jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. So wie sie in den vergangenen Jahren Krisensymptome der US-Wirtschaft - etwa das riesige Loch in der amerikanischen Leistungsbilanz - einfach beiseite wischten, wird nun die US-Szenerie generell grau in grau gesehen. Und davon profitiert der Euro.
Ob diese Erholung allerdings von Dauer ist, bleibt noch abzuwarten. Immerhin zeigt auch die Konjunktur in Europa bereits leichte Ermüdungserscheinungen, die derzeit allerdings noch von den - nach vielen fetten Jahren ungewohnten - schlechten US-Nachrichten überdeckt werden.
Viel wird vom Geschick der Notenbanker dies- und jenseits des Atlantiks abhängen. Und da bot in der Vergangenheit Fed-Chef Alan Greenspan die weit überzeugendere Vorstellung als seine Kollegen von der Europäischen Zentralbank.
Dem schlauen Fuchs Greenspan, dessen geschickte Zinspolitik den USA ein jahrelanges praktisch inflationsfreies Superwachstum bescherte, ist durchaus zuzutrauen, daß er nun mit Erfolg die Weichen für eine sanfte Landung der US-Konjunktur stellt. Die EZB unter Wim Duisenberg agierte in den Monaten der akuten Euro-Schwäche teilweise hilflos. Man kann nur hoffen, daß sie mittlerweile dazugelernt hat und in den kommenden Monaten eine Zinspolitik mit Fingerspitzengefühl macht. Nachdem die Ölpreise wieder nach unten gehen, dürfte an der Inflationsfront ja wohl keine allzu große Gefahr lauern.
Gefordert sind freilich auch die europäischen Politiker. Noch immer gibt in Europa, vom Arbeitsmarkt bis zum leidigen Ladenschluß und der Gewerbefreiheit allzu viele verkrustete Strukturen, die das Wachstum hemmen und die es schleunigst aufzubrechen gilt. Außerdem sollten sich die Herren Schröder, Chirac & Co bemühen, zumindest in den zentralen Fragen der Wirtschafts- und Währungspolitik nicht wild durcheinander, sondern halbwegs einheitlich zu argumentieren.
Der schwache Euro war für Europas Exporteure natürlich ein Segen. Und wirklich weh tat er uns nur beim Urlaub in den USA oder in der Karibik und bei den extrem verteuerten Öl- und Gasimporten. Dennoch sind gerade beim Geld Psychologie und Vertrauen besonders wichtig. Deshalb ist es nicht egal, ob der Euro, den wir in knapp einem Jahr in unserer Geldbörse haben werden, ein Weichling ist oder es mit dem US-Dollar zumindest aufnehmen kann.

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