Neujahrsansprache von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil am 1. Jänner 2001 (ORF 1 und ORF 2)

SPERRFRIST: 1.Jänner 2001,17 h

Liebe Österreicherinnen und Österreicher!

Hinter uns liegt ein bewegtes Jahr - vor uns ein neues Jahrtausend. Es war ein Jahr, das noch nie dagewesene Katastrophen über unser Land brachte. Ich möchte allen Betroffenen Kraft, Zuversicht und Glaubensstärke für das neue Jahr wünschen. "Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab" heißt es. Positives Denken muß daher die Grundlage unseres Handelns sein - dies gilt für unser persönliches Leben wie auch für die Politik.

Hoffnung, nicht Furcht ist das schöpferische Prinzip in menschlichen Dingen.

- So hoffe ich, daß im neuen Jahr innerer Frieden, Stabilität und soziale Sicherheit unserem Lande erhalten bleiben.

- So hoffe ich, daß das Gemeinsame über das Trennende gestellt wird und daß wir bei aller politischen Gegensätzlichkeit und Unterschiedlichkeit der Meinungen, eine gemäßigte Sprache und Wortwahl bewahren.

- So hoffe ich, daß die alten Menschen, die Armen, Kranken und sozial Schwachen auch in Zukunft Sicherheit und Geborgenheit in unserem Lande finden werden, damit keine Existenzängste entstehen.

- Und schließlich hoffe ich, daß die positive Atmosphäre in unserem Lande, die immer der Motor unseres Handelns gewesen ist, nicht durch unbedachte, verletzende und abwertende Worte beeinträchtigt wird.

Ich möchte an dieser Stelle eindringlich davor warnen, im politisch anders Denkenden einen Feind zu sehen. Im politischen Alltag soll die sachliche Auseinandersetzung im Mittelpunkt stehen und nicht das Denken in Freund-Feind-Kategorien. Derartige Vereinfachungen sind verführerisch, aber gefährlich.

Es liegt vor allem an den Politikern, für eine harmonische, von gegenseitigem Respekt und Vertrauen getragene Grundstimmung im Lande zu sorgen. Ich betone dies auch deshalb, weil wichtige Wahlen bevorstehen und ich schon heute an alle Seiten appellieren möchte, in der Wahlauseinandersetzung Fairneß und respektvollen Umgang miteinander nicht aus dem Auge zu verlieren.

Das politische Klima in unserem Lande hat mir im vergangenen Jahr große Sorgen bereitet. Ich möchte Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger aber dennoch bitten, mit Optimismus und Zuversicht ins Neue Jahr zu gehen.

Österreich ist heute politischer geworden. Die Zeit des passiven "Zusehens", des "Geschehenlassens" der Politik ist vorbei und einer aktiveren Teilnahme am politischen Geschehen gewichen. Ich begrüße diese Entwicklung und sehe darin ein positives Zeugnis der demokratischen Reife.

Ich bin optimistisch, daß wir gemeinsam über alle Parteigrenzen hinweg die Herausforderungen, die Reformen und die nötigen Veränderungen bewältigen können, wenn wir zusammenhalten, im Bewußtsein, daß all das, was die ältere Generation geschaffen und aufgebaut hat, von uns Erben in verantwortungsvoller Weise weitergeführt werden muß. Es geht daher nicht an, daß durch eine Radikalisierung der Sprache, durch eine Vernachlässigung, ja sogar Verweigerung des Dialoges, ein Riß durch unser Land gezogen wird.

Schließlich sind die besten Reformer, welche die Welt je gesehen hat, jene, die bei sich selbst anfangen.

Politiker wie Medien haben eine besondere Verantwortung dem Land und der zukünftigen Generation gegenüber. Mahatma Gandhi sagte einmal:
"Die Zeitungspresse ist eine große Macht, aber wie entfesselte Fluten ganze Landstriche unter Wasser setzen und Ernten verwüsten können, genau so dient eine unbeherrschte Feder der Zerstörung". Ich möchte hinzufügen: genauso dienen unbeherrschte Worte der Zerstörung.

Schließlich sollten die Art und Weise, wie Politiker miteinander umgehen, Vorbild für die Menschen und vor allem für die Jugend sein.

Erziehung, Bildung und Ausbildung der jungen Generation muß uns allen ein besonderes Anliegen sein. Und dies ist auch ein Bereich, wo wir nicht sparen dürfen. Ganz im Gegenteil.

Gemeinsam mit der Wirtschaft müssen wir in Ausbildung, Wissenschaft und Forschung investieren, um die internationale Konkurrenzfähigkeit unseres Landes sicherzustellen.

Österreich hat seinen festen Platz in der Europäischen Union und kann mit den Nachbarländern in einer erweiterten Union Interessensgemeinschaften bilden, die sich für unser Land positiv auswirken werden.

Denn die Einbindung unserer Nachbarn bringt, wenn sie gut vorbereitet ist, große Vorteile für unsere Wirtschaft und für unsere Sicherheit. Wenn die österreichische Grenze keine Außengrenze der EU mehr sein wird, dann verschiebt sich auch deren Sicherung und die Bekämpfung des organisierten Verbrechens von unserer unmittelbaren Nähe nach außen.

Die Erweiterung der Europäischen Union ist für beide Seiten eine Herausforderung: für Österreich und für die Beitrittskandidaten. Und bei allen bilateralen Problemen, die sich in den letzten Monaten gegenüber Nachbarn ergeben haben, glaube ich doch, dass die gemeinsame europäische Zukunft für alle erstrebenswert ist.

Wir können diesen Herausforderungen mit Zuversicht, mit gefestigter Ruhe und Optimismus entgegenblicken.

Der gegenseitige Respekt, der Respekt vor den Institutionen der Republik, der Respekt vor Andersdenkenden, der Respekt vor unseren ausländischen Mitbürgern, der Respekt vor Österreich muß uns einen und verbinden.

Österreich verdient es, Österreich ist es wert, daß wir alle für dieses Land arbeiten und für sein Ansehen das erforderliche Verantwortungsbewußtsein zeigen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, liebe Österreicherinnen und Österreicher, ein gutes, zufriedenes und friedvolles Neues Jahr.

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