"Die Presse" Glosse: "Was Tudjman erspart blieb" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 5.1.2000

WIEN (OTS). Das hat Franjo Tudjman nicht mehr erleben müssen: Sein Lebenswerk, der Traum von einer nationalstaatlichen Festung Kroatien, die sich unter eiserner Führung allen Veränderungen widersetzt, ist am Montag endgültig zerplatzt. Nicht einmal der Mitleidseffekt, auf den seine Getreuen nach dem Tod des kroatischen Führers im Dezember noch gehofft haben mögen, hat seine lange allmächtig gewesene HDZ vor einem Debakel bei den Parlamentswahlen bewahren können.

Mit dieser Ohrfeige für die bisher Herrschenden haben die Kroaten die Tür weit aufgemacht, durch die das Land nach Europa gehen soll, heraus aus der Isolation, in die es von Franjo Tudjman und seinem Verständnis von Demokratie, Menschenrechten und Umgang mit politischen Gegnern gezwungen worden war.

Daß die Wähler just die zu Sozialdemokraten mutierten Kommunisten Kroatiens damit betraut haben, auch für die notwendigen (markt)wirtschaftliche Reformen zu sorgen, ist irgendwie pikant; aber in einem Land mit einer Arbeitslosigkeit von rund 20 Prozent Dollar greift man nach jeder Hoffnung, die sich den enttäuschten Wählern bietet. Der Umbau Kroatiens hat aber gerade erst begonnen, und ein entscheidender Baustein werden die Präsidentschaftswahlen am 24. Jänner sein. Bisher galt ein untypischer und über die Grenzen hinaus geschätzter HDZ-Mann, der liberale Außenminister Mate Grani?, als einsamer Favorit. Doch der überraschend deutliche Wahlerfolg der Opposition könnte dazu führen, daß sie auch bei den Präsidentenwahlen an die Spitze geschwemmt wird - was vor allem für die anstehende Aufarbeitung der HDZ-Vergangenheit, der Korruption und Kriegsverbrechen von nicht geringer Bedeutung sein kann.

Bleibt noch die offene Frage, ob die Opposition nicht überhaupt eine Zwei-Drittel-Mehrheit erobert hat und die verfassungsmäßigen Rechte des Staatsoberhaupts beschneiden wird - oder ob sie zwar einig gegen die HDZ aufgetreten ist, nach der Wahl aber auseinanderdriftet. Kroatien geht jedenfalls in ein spannendes Jahr, Europa hat seit gestern einen neuen Partner - und die Ära Tudjman ist zum Wohle Kroatiens wohl endgültig begraben.

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