- 18.11.2010, 11:40:39
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Die Sprache nicht verlieren
Symposion "Medizin und Ethik" des Europäischen Forum Alpbach und der ÖÄK in Wien eröffnet - Soziologe Gigerenzer: Schlechte Kommunikation mit den PatientInnen unethisch

Wien (OTS) - "Wir Ärzte müssen uns angesichts der technik- und
reparaturgetriebenen Medizin fragen, ob wir nicht die Empathie für
den Patienten und die Fähigkeit des Zuhörens und Redens verloren
haben", so Ärztekammerpräsident Walter Dorner anlässlich der
Eröffnung des Symposions "Medizin und Ethik" am 17.11. in Wien. Das
Motto: "Wo steht der Mensch?"
Das erste Eröffnungsreferat hielt der deutsche Soziologe und Direktor
des Max Planck Institutes für Bildungsforschung in Berlin, Gerd
Gigerenzer. Der Autor der Sachbuchbestseller "Bauchgefühl" und "Das
Einmaleins der Skepsis". Gigerenzer referierte über die
Sinnhaftigkeit von Vorsorgeuntersuchungen, am Beispiel Mammographie
und Prostata, und wies auf "statistische Widersprüchlichkeiten" und
auch eine falsche Darstellung der Früherkennungsmethodik hin, die
unethisch sei. Zum Beispiel wird als Ergebnis einer Brustkrebsstudie
kommuniziert, dass durch Vorsorge-Mammographien das Risiko einer
Erkrankung um 20 Prozent sinke. Diese sogenannte relative
Wahrscheinlichkeit aber ist irreführend. Denn, dies ist das faktische
Untersuchungsergebnis: von 1.000 untersuchten Frauen erkranken ohne
flächendeckendes Screening fünf - mit Screening sind es vier.
Gigerenzer fordert die Umstellung der Risikokommunikation auf solche
"absolute Wahrscheinlichkeiten". Die falsche Kommunikation von
Risiken führe zu unnötigen Ängsten, Hoffnungen und zuletzt auch
Kosten. Untersuchungen zeigen, dass andernfalls nicht nur
PatientInnen, sondern auch ÄrztInnen zu einer falschen Einschätzung
von Risiken verleitet werden.
Für Gigerenzer ist die ethische Herausforderung eine Frage des
offenen Gesprächs des mündigen Patienten, mit einem aufgeschlossenen
Arzt in einem dialogischen Gesundheitssystem. Nachdrücklich plädiert
er für ein höheres Selbstbewusstsein des Patienten dem medizinischen
System gegenüber.
Seine finalen Thesen für "Bessere Ärzte und bessere Patienten?"
lauten:
"Eine effiziente Gesundheitsversorgung und 'Shared Decision Making'
setzt informierte Ärzte und Patienten voraus. Davon haben wir heute
zu wenige.
Die Antwort auf explodierende Kosten im Gesundheitssystem ist nicht
Rationierung und Steuererhöhung. Bessere Bildung von Ärzten und
Patienten führt zu besserer Versorgung für weniger Kosten. Der
Patient sollte ein Recht auf ehrliche und transparente Information
erhalten".
In einer weiteren Keynote Speach ging die Wiener Psychoanalytikerin
und -Therapeutin Marianne Springer-Kremser auf die Bedeutung des
"adäquaten Umgangs mit dem Wertesystem der PatientInnen zur
Diagnostik und Behandlung" ein. Sie definierte vier Herausforderungen
für den Umgang mit Wertsystemen: "Haltungen, Erwartungen des
Patienten, Befürchtungen des Patienten, Haltungen, Erwartungen des
Arztes, Befürchtungen des Arztes".
Springer-Kremser plädierte für folgende Erfordernisse einer
kommunikativen Kompetenz: "Sicherheit im eigenen Wertesystem, um sich
von abweichenden Wertesystemen nicht bedroht zu fühlen; die
Fähigkeit, nonverbale Mitteilungen wie Mimik, Gestik und Motorik
wahrzunehmen. Die Fähigkeit, eine "Containerfunktion" für Patienten
zu übernehmen".
Moderiert wurden der Eröffnungsabend und die an die Keynote Speaches
anschließende Publikumsdiskussion von Christiane Druml, der
Vorsitzenden der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt.
Die Tagung wird am Donnerstag, dem 18. November 2010, mit folgenden
Themen fortgesetzt: Gemeinsame Entscheidungsfindung und
Mitverantwortung, Die Sprache der Medizin, Kommunikative Kompetenzen
im Rahmen des Medizinstudiums, sowie Medien und die Ethik der
Kommunikation von Medizin und Gesundheit.
"Ethische Herausforderung an Medizin und Wissenschaften sind in aller
Munde. Nur das zentrale Objekt der Forschung scheint im medizinischen
Alltag allzu oft sich selbst überlassen: "Wo steht der Mensch?" war
die Fragestellung die beide Initiatoren der Symposionsreihe, Erhard
Busek, Präsident des Europäischen Forum Alpbach und Walter Dorner,
Präsident der Österreichischen Ärztekammer, trafen. Die Antworten
versucht das Symposion aus der Reihe "Medizin und Ethik", die im
kommenden Jahr mit neuem Thema fortgesetzt wird, zu geben. Klar ist:
Ethische Anforderungen an Medizin und Wissenschaften steigen.
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Mag. Svetlana Paunovic
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